Das sind doch erfahrene Berater!

Ganz oft höre ich den Satz: „Das sind doch erfahrene Berater – die müssten doch wissen, wie das geht!“. Dabei ist es egal, ob der zugehörige Projektleiter mit mir spricht, oder ob es sich um den Projektkunden und Auftraggeber des Beratungshauses handelt. Wie selbstverständlich haben beide die Annahme, dass ein langjähriger Berater die Spielregeln des gerade aktuellen Projektes beherrscht.

Natürlich erwarten wir bei einem Fachexperten/einer Fachexpertin, dass er oder sie ihr Handwerk beherrschen.

So sollte der FI-Berater auf dem SAP Projekt sein Modul kennen und die zugehörigen Business-Prozesse verstehen und einordnen können. Ebenso können wir bei einem Berater mit 15 Jahren Berufserfahrung erwarten, dass er oder sie ein lösungsorientiertes Kundengespräch rund um die Aufnahme von Anforderungen führt.

Aber können wir wirklich erwarten, dass die Zusammenarbeit mit einem neuen Kunden, einem neuen Projektleiter, innerhalb eines neuen Teams, das für dieses Projekt frisch zusammengestellt wurde, einfach so funktioniert, quasi automatisch?

Woher soll der erfahrene Teamkollege wissen, dass sich dieser Projektleiter mehr proaktive, mündliche Updates erwartet?

Wenn doch bisher immer Listeneinträge im SharePoint oder der Update in der Aktivitätenliste gereicht haben? Wie kommt ein eingespieltes Fachteam, das schon dreimal gemeinsam implementiert hat, darauf, dass es seinen Umgang mit dem Kunden ändern sollte? Hat doch schon dreimal funktioniert! Und wieso nehmen wir an, dass Menschen, die zwanzig Jahre Berufserfahrung haben, in einer neuen Situation, in einer neuen Umgebung, mit einer neuen Aufgabe, nicht auch mal wieder Anfänger sein dürfen?

Hinter dem Seufzer der beiden Klienten stecken unterschiedliche Gründe.

Der Projektleiter hatte vielleicht nicht auf dem Radar, wie viel Zeit und Energie er oder sie für die Herstellung des gemeinsamen Teams aufwenden muss. In vielen Projektorganisationen gibt es weder Zeit noch Budget für die Phase der Teamfindung. Nein, es muss nicht der Klettergarten sein. Das gute alte Kick-off, eine Vorstellungsrunde mit allen, die Klärung der verschiedenen Teilprojekte und Zuständigkeiten, und ein paar interne Spielregeln für Zusammenarbeit und Kommunikation reichen völlig. Und ja, das geht auch remote. Und ja, es braucht eine Weile, bis es sich eingespielt hat.

Der Auftraggeber hat oft andere Beweggründe für seine Beschwerde. Oft wünscht er oder sie sich mehr Entscheidungsvorlagen, Empfehlungen, Erläuterungen vom Berater. Nicht alle Projektkunden sind projekterfahren – für die meisten Unternehmen und Unternehmensbereiche sind monatelange Prozess- und IT-Projekte eine Ausnahme. Und eine riesige Belastung. Es ist ihr gutes Recht, sich an die Profis aus dem Projektalltag anzulehnen. Und es ist Teil der Aufgabe der liefernden Einheit – sei es das interne Projektteam oder ein Beratungshaus -, dem Kunden Orientierung, Anleitung und Verständnis für die Notwendigkeiten im Projekt zu vermitteln.

Manchmal vergessen wir, dass erwachsene Profis menschliche Bedürfnisse haben.

Glauben Sie wirklich, dass Jupp Heynckes mit dem Bayern-Team sofort ins nächste Bundesliga-Spiel einzieht, ohne mit seinen Jungs über Spielregeln, Erwartungen, Orientierung und Zusammenhalt zu reden? Wieso ist es für uns selbstverständlich, daß ein hochklassiges Sportler-Team erstmal ein Team werden muss, um hervorragende Leistungen abzuliefern – und von unseren Kollegen und Mitarbeitern erwarten wir, dass sie unsere Erwartungen inhalieren, sich selbstmotiviert mit ihren Kollegen zusammenfinden, und funktionierende Spielregeln auf telepathischem Weg entstehen?

Ich bin der Meinung: Projektberatung beim Kunden ist Hochleistungssport. Und wir sollten unsere Teams auch so behandeln.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihre Projekte!

 

Folge 2 der Serie „Project Success Trap of the Week – Beliebte Fallen auf dem Weg zum Projekterfolg“.

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